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Friedensforschung zwischen den Fronten

„Der Zug, in den wir einsteigen“ – Frieden braucht Begegnung

Pfr. Martin Franke

Drei Monate studierte Pfarrer Martin Franke internationale Konflikte und Versöhnungsmöglichkeiten in einem ökumenischen Institut, das Irland und Nordirland miteinander verbindet. In diesem Beitrag berichtet er von seinen Erfahrungen.

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Besuchermagnet: Die Long Hall der alten Bibliothek des Trinity College Dublin zieht täglich hunderte Menschen an - nicht nur weil dort eine der ältesten europäischen Handschriften ausgestellt ist, das Book of Kells. Aufregung bei Studierenden und Angehörigen bei der Examensverleihung am Trinity College Dublin: Wer zuletzt aufgerufen wird, hat das schlechteste Ergebnis. Versöhnungsarbeit in atemberaubender Landschaft: An der Nordküste Nordirlands nutzt die christliche Corrymeela Kommunität bewusst auch die beeindruckende Natur zur Verständigung - hier die geometrisch geformten Felsen des nahegelegenen UNESCO-Weltnaturerbes "Giant's Causeway". So genannte "Peace Walls" trennen trotz Waffenstillstand seit dem Karfreitagsabkommen 1998 noch die Stadtviertel in Belfast: Nicht selten sind sie mit Stacheldraht bewehrt. Ein offenes Herz: Versöhnungssymbol vor den ehemaligen britischen Militärbaracken in Glencree in den Wicklowbergen. Heute beherbergen sie das Friedenszentrum der Republik Irland. Seminar im Masterstudiengang "Interkulturelle Theologie/Interreligiöse Studien" an der ISE: Prof. Jude Lal Fernando (2.v.r.), Pfarrer Martin Franke (li.) und Mitstudierende. Mitbestimmung über „ihr Land“ fordern nordirsche Protestantinnen und Protestanten auf Hauswänden in Belfast: „Nichts, was über uns, aber ohne uns entschieden wird, ist für uns…“ Von Republikanern in Nordirland heiß verehrt: IRA-Mitglied Bobby Sands (1954-1981) schrieb nicht nur Freiheitsgedichte, sondern kam bei einem von ihm mitinitiierten Hungerstreik gegen die Haftbedingungen im Gefängnis mit 27 Jahren ums Leben. Nordirland-Konflikt ist nicht vorbei: Während protestantische Gemeinschaften meist an die Opfer von Terrorismus erinnern, plakatieren Häuser in katholischen Stadtvierteln Belfasts oft zustimmend die Osteraufstände 1916 und die Ausrufung der Republik Irland: hier die britische Erstürmung des von irischen Freiheitskämpfern besetzten Dubliner Hauptpostamtes.

In Belfast ist die Ökumene nur schwer zu finden: Kein Schild weist darauf hin, dass im letzten Haus der Stichstraße auch die Irische Hochschule für Ökumenewissenschaften residiert, die „Irish School of Ecumenics“ (ISE). In Dublin kann es einem genauso ergehen: Obwohl die ISE längst ein Institut des renommierten Trinity College Dublin (TCD) geworden ist, liegt sie verborgen hinter einem Seiteneingang der ehemaligen Physiologie.

Ökumene arbeitet heute eher im Hintergrund, doch nicht weniger engagiert: Rund 90 Studierende in Dublin und Belfast beteiligen sich während ihres Masterstudienganges aktiv an Versöhnungsprojekten dieser Welt. Ein wesentlicher Teil der Studien ist das Gespräch mit ehemals verfeindeten Kirchen, mit Palästinensern, die unter der israelischen Besatzung leiden; mit Singhalesen, die nicht in ihr Herkunftsland Sri Lanka zurückkehren können, weil sie sich für den Friedensprozess mit der tamilischen Bevölkerungsminderheit eingesetzt haben; mit christlichen und muslimischen Religionsvertretern aus Syrien; mit mexikanischen Gewerkschafterinnen, die um menschenwürdige Arbeit kämpfen.

Theologie wird hier zuerst aus der Analyse der oft gewalttätigen Konflikte dieser Welt und dann aus der Erinnerung an biblische Texte und christliche Überlieferung entwickelt - nicht nur, weil die Bibel auch ein Kompendium des Umgangs mit Konflikten ist. Hilfreich für die Konfliktbewältigung ist oft auch die Erinnerung an gemeinsame oder auch verschiedene Traditionen. Aus Zusammenschau der gesellschaftlichen Analyse und der biblischen Hoffnung auf Gerechtigkeit, Frieden und Befreiung entstehen keine zeitlosen Aussagen, sondern eine kontextuelle Theologie für die jeweilige Situation. Nur so kann die ISE auch als einziges Hochschulinstitut in beiden Teilen des gespaltenen Irlands arbeiten: in der Republik Irland und im zu Groß-Britannien gehörenden Nordirland.

„Manches, was heute als irisches Modell für Versöhnung nach einem Bürgerkrieg gilt, ist hier vorgedacht worden“, erklärt ISE-Leiter und Kirchenhistoriker Andrew Pierce stolz. „Für Versöhnung ist der Aufbau gemeinsamer Institutionen sehr wichtig, in denen die schwierigen Fragen von unterschiedlichen Identitäten, Erinnerungen und Gerechtigkeit ohne Angst oder Einschüchterung diskutiert werden können “, ergänzt sein Kollege Jude Lal Fernando. „In Irland ist die ISE eine solche Institution.“

Die Notwendigkeit einer solchen Verständigungsarbeit zeigt sich gerade auf der grünen Insel: Seit dem Karfreitagsabkommen 1998 gibt es keine bewaffneten Auseinandersetzungen mehr – doch die Spaltung zwischen den ehemals „katholisch“ und „protestantisch“ genannten Nachbarschaften in Belfast hat sich vielerorts vertieft: Es geht nicht nur um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für die wachsende katholische Minderheit in Nordirland. Es geht um Identitäten und Traditionen: Menschen wollen anerkannt sein in ihrer Lebensweise, mit ihren Erfahrungen und erlittenen Verletzungen.

„Das ist nicht mehr meine Tradition“, klagt etwa die ältere protestantische Zimmerwirtin in Belfast: „Die Polizei und andere Behörden dürfen in Nordirland nicht mehr 'royal' heißen“, wie sonst im Vereinigten Königreich. Die Busse zeigen jetzt auch irische Ortsnamen, was bis vor Kurzem nur in der Republik Irland üblich war. „Sie gleichen uns der irischen Republik an.“

Frieden ist nicht der Bahnhof, in dem wir ankommen. Frieden ist der Zug, in den wir einsteigen.

„Frieden ist nicht der Bahnhof, in dem wir ankommen“, sagt Eamon Rafter, Studienkoordinator am Glencree Zentrum für Frieden und Versöhnung: „Frieden ist der Zug, in den wir einsteigen.“ Frieden, das ist ein Prozess des Zusammenlebens und der Verständigung – wir verlieren ihn an jedem Tag, an dem wir Menschen aus dem Weg gehen, sie übersehen und nicht wahrnehmen; wir bauen ihn jeden Tag neu, wo Begegnung zwischen Fremden gelingt.

Von Anfang an war die ISE umstritten: 1970 befürchteten Kirchenvertreter*innen, dass Kirchen an Identität und Profil verlieren könnten, wenn sie sich auf Versöhnungsgespräche und den Respekt vor fremden Kulturen einließen. Auch dass die Gründung vom Ökumenischen Rat der Kirchen unterstützt wurde, der damals nicht nur in Südafrika wegen seines Antirassismus-Programmes im Gespräch war, gefiel nicht allen: Würde man indirekt terrorisierende Gruppen in Nordirland anerkennen?

Heutige ISE-Studierende aus aller Welt wissen wenig von den ursprünglichen Auseinandersetzungen um das Versöhnungsprojekt zwischen Protestanten und Katholiken. „Sie suchen eher das praktische Engagement und die konkrete Fallanalyse“, sagt Professorin Gillian Wylie. Dabei kooperieren sie neben dem Glencree Zentrum auch mit der ökumenischen Corrymeela Community in Nordirland, die einen sicheren Ort für den Austausch der Leidens- und Trauma-Geschichten von ehemaligen Gegnerinnen und Gegnern schafft. Oft ist es hier, an der atemberaubend schönen Nordküste der Insel, das erste Mal, dass Feinde ihre gegenseitigen Verletzungen wahrnehmen und sich als Menschen begegnen.

Student Max de Graaf (21) aus den Niederlanden schlägt eine Umbenennung der ISE in „Institut für Friedenforschung und Ökumene“ vor, auch damit andere Religionen noch stärker in den Blick kommen. Tatsächlich beschäftigt sich ISE viel mit Religionen, die sowohl an vielen Stellen Frieden und Versöhnung ermöglichen, als auch konfliktbeschleunigend ausgenutzt werden können.

Klarer als früher ist, dass wachsende Gerechtigkeit zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Frieden ist. Nötig ist, dass Menschen mehr voneinander verstehen in der zusammenwachsenden Welt. Nur wer sich in ihrer/seiner Identität respektiert fühlt, wird dauerhaft gemeinsamen Spielregeln zustimmen. Begegnung mit dem mir (noch) Fremden bleibt unausweichlich – und spannender als der kurze Bericht in der „Tagesschau“.

Info:
Die Irish School of Ecumenics bietet zwei Masterstudiengänge an: „Internationale Friedensstudien und Konfliktforschung“ sowie „Interkulturelle Theologie und interreligiöse Studien“. Weitere Infos beim Trinity College Dublin, www.tcd.ie/ise.

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